Merlin MechlerMERLIN MECHLER
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KI-Übungen für gemischte Teams: Ein Fall, zwei Schwierigkeitsstufen

KI-Übungen für unterschiedliche Vorkenntnisse gestalten. Mit zwei Lernwegen, gemeinsamem Praxisfall und überprüfbarem Transfer.

KI-PraxisQualitätssicherung

Eine gemeinsame KI-Übung muss nicht für alle Teilnehmenden gleich schwer sein. Sie braucht ein gemeinsames fachliches Ziel und unterschiedlich starke Unterstützung. Sonst langweilen sich erfahrene Personen, während Einsteiger bereits an der Bedienung scheitern. Das Ergebnis einer gelungenen Übung ist eine nachweisbare Handlung, keine Sammlung besonders langer Prompts.

Dieser Leitfaden entwickelt einen vollständigen Übungsfall für ein gemischtes Team. Beide Lernwege bearbeiten denselben Sachverhalt: Aus einer Anfrage muss eine belastbare Antwort entstehen, obwohl eine wichtige Angabe fehlt. Namen, Unterlagen und Zeiten sind fiktiv. Der Ablauf ist ein eigener didaktischer Vorschlag und keine empirisch geprüfte Trainingsmethode.

Das Lernziel vor dem Schwierigkeitsgrad festlegen

Das Lernziel lautet: Die Teilnehmenden unterscheiden belegte Angaben, Wünsche und offene Entscheidungen und übernehmen keine unbelegte Zusage. Dieses Ziel ist unabhängig davon, ob jemand bereits täglich mit KI arbeitet. Es lässt sich an einer konkreten Antwort prüfen.

Eine Formulierung wie "Die Gruppe lernt besseres Prompting" ist für die Abnahme zu unbestimmt. Welche Handlung muss danach gelingen? Im Beispiel muss jede Person einen unbelegten Liefertermin erkennen, eine fehlende Information markieren und eine sachlich passende Rückfrage formulieren. Ein schneller Text ohne diese Eigenschaften erfüllt das Ziel nicht.

Der IES-Praxisguide zum Lernen empfiehlt unter anderem den Wechsel zwischen ausgearbeiteten Beispielen und eigenständigen Aufgaben sowie zeitlich verteiltes Lernen. Die Empfehlungen stammen aus Bildungsforschung. Die Übertragung auf betriebliche KI-Übungen ist hier ein Gestaltungsvorschlag, kein direkter Wirksamkeitsnachweis für diesen Workshop.

Vorwissen anhand einer kleinen Aufgabe erfassen

Frage nicht nur nach Selbsteinschätzungen wie "Anfänger" oder "Experte". Eine Person kann das Werkzeug gut bedienen und trotzdem fachliche Zusagen falsch bewerten. Eine andere Person kennt den Prozess genau, hat aber wenig Erfahrung mit dem Eingabefeld. Diese Fähigkeiten müssen getrennt betrachtet werden.

Lass alle vor der eigentlichen Übung eine kurze künstliche Anfrage lesen. Sie markieren, welche Aussage belegt ist und welche Rückfrage fehlt. Danach führen sie einen einfachen vorgegebenen Arbeitsauftrag im freigegebenen Werkzeug aus. Die erste Aufgabe zeigt fachliches Vorwissen, die zweite zeigt Bedienungsbedarf.

Die Ergebnisse dienen der Lernwegwahl, nicht einer Rangliste. Teilnehmende wechseln den Lernweg, wenn sich die Unterstützung als zu stark oder zu schwach erweist. Die Moderation erklärt diese Möglichkeit ausdrücklich. Eine starre Gruppierung nach Berufsbezeichnung oder Alter ist dafür ungeeignet.

Der gemeinsame Ausgangsfall

Die Gruppe erhält ein kleines Quellenpaket. Jede Unterlage hat eine eindeutige Kennung. Es enthält keine echten Kunden- oder Beschäftigtendaten.

KennungInhalt
K1Ein Kunde fragt nach 30 Schulungsunterlagen bis zum 12. November.
L120 Unterlagen liegen vor, zehn müssen nachgedruckt werden.
D1Für den Nachdruck ist noch kein Fertigstellungstermin bestätigt.
R1Nur die verantwortliche Disposition bestätigt Liefertermine.

Die Aufgabe lautet: "Bereite eine Antwort vor, die den Stand erklärt und die nächste nötige Klärung benennt." Die Antwort darf keine vollständige Lieferung zum Wunschtermin zusagen. Sie darf auch nicht verschweigen, dass bereits 20 Unterlagen vorhanden sind.

Damit entsteht ein überschaubarer Fall mit einer klaren fachlichen Grenze. Die Übung braucht weder einen langen Vertrag noch eine komplizierte Softwareintegration. Die Schwierigkeit liegt in der Unterscheidung zwischen Wunsch, Bestand und bestätigter Leistung.

Lernweg A: Mit sichtbarer Struktur arbeiten

Einsteiger erhalten eine vorbereitete Tabelle und einen Arbeitsauftrag. Die Tabelle enthält die Felder Bestellmenge, vorhandene Menge, gewünschter Termin, bestätigter Termin und offene Entscheidung. Eine Zeile ist als Beispiel ausgefüllt: "Bestellmenge: 30; Quelle K1."

Der Arbeitsauftrag lautet:

Lies K1, L1, D1 und R1.
Fülle die vorgegebene Tabelle ausschliesslich mit belegten Angaben.
Schreibe bei fehlenden Angaben "nicht bestätigt".
Formuliere danach eine kurze Antwort ohne Lieferzusage.
Nenne die Frage, die die Disposition noch beantworten muss.

Die Teilnehmenden vergleichen zuerst die Tabelle mit den Unterlagen. Erst danach prüfen sie den Antworttext. Die Moderation zeigt einmal, wie aus einer Dokumentkennung eine überprüfbare Aussage wird. Anschliessend bearbeitet jede Person die verbleibenden Zeilen selbst.

Die Hilfe enthält keine fertige Antwort für den gesamten Fall. Sonst bleibt unklar, ob die Person die Unterscheidung verstanden oder nur einen Text kopiert hat. Wer Unterstützung braucht, erhält zunächst einen Hinweis auf das betroffene Feld, nicht sofort die Lösung.

Lernweg B: Die Prüfstruktur selbst entwickeln

Erfahrene Teilnehmende erhalten dieselben Unterlagen, aber keine vorbereitete Tabelle. Sie müssen selbst festlegen, welche Felder eine Antwort tragen und welche Aussage vor der Freigabe geprüft werden muss. Zusätzlich erhalten sie eine falsche KI-Ausgabe: "Die Lieferung aller 30 Unterlagen zum 12. November ist gesichert."

Ihre Aufgabe ist, den Fehler zu erklären, einen besseren Arbeitsauftrag zu entwickeln und einen zweiten Fall zu benennen, an dem dieser Auftrag scheitert. Der Gegenfall darf nicht nur ein anderer Termin sein. Er muss eine andere Schwierigkeit enthalten, etwa eine teilweise bestätigte Lieferung oder zwei widersprüchliche Bestandsangaben.

Dieser Lernweg fordert mehr eigenständige Strukturierung. Er belohnt keine besonders komplizierte Prompt-Syntax. Eine kurze Anweisung mit klarer Quellenzuordnung kann die Aufgabe besser erfüllen als ein langer Rollenprompt ohne prüfbare Erwartung.

Die erfahrene Gruppe muss ausserdem festhalten, welche Teile ihrer Lösung fachliche Regeln und welche Teile reine Ausgabevorgaben sind. "Keine unbestätigte Zusage" ist eine fachliche Grenze. "Nutze fünf Tabellenzeilen" ist eine Darstellungsentscheidung. Diese Trennung erleichtert spätere Anpassungen.

Eine gemeinsame Auswertung mit derselben Abnahme

Beide Gruppen kommen mit unterschiedlichen Arbeitswegen zur gleichen fachlichen Prüfung. Das verhindert, dass der leichtere Lernweg einen geringeren Qualitätsstandard erhält.

PrüffrageErwartung
Ist die angefragte Menge korrekt?30 Unterlagen
Ist der Bestand korrekt?20 vorhanden
Bleibt der Wunschtermin ein Wunsch?Ja, keine Bestätigung für den Gesamtumfang
Wird die fehlende Angabe benannt?Fertigstellungstermin für zehn Nachdrucke
Ist die nächste Handlung klar?Disposition klärt Nachdruck und Liefermöglichkeit

Die Musterantwort lautet: "20 der 30 angefragten Unterlagen liegen vor. Für zehn Nachdrucke ist der Fertigstellungstermin noch offen. Die Disposition muss noch prüfen, ob der gewünschte Liefertermin am 12. November für den gesamten Umfang möglich ist." Eine optionale Teillieferung muss zusätzlich geklärt werden; sie darf nicht aus dem Bestand abgeleitet werden.

Die Auswertung fragt nach Belegen, nicht nach dem schönsten Text. Wenn eine Person eine andere Formulierung verwendet und alle Kriterien erfüllt, ist das Ergebnis ebenfalls richtig. Wenn eine Ausgabe perfekt klingt und eine unbestätigte Zusage enthält, besteht sie die Aufgabe nicht.

Einen Transferfall ohne neue Hilfestellung einsetzen

Danach folgt ein zweiter fiktiver Fall: 30 Unterlagen sind vollständig vorhanden, die Lieferadresse ist jedoch unvollständig. Jetzt fehlt kein Bestand, sondern eine Voraussetzung für den Versand. Die Teilnehmenden müssen ihre Prüflogik übertragen und dürfen nicht automatisch dieselbe Nachdruckfrage stellen.

Die erwartete Antwort bestätigt den vorhandenen Bestand, bittet um die fehlende Adressangabe und vermeidet eine unbedingte Versandzusage. Wer weiterhin nach dem Nachdrucktermin fragt, hat das Muster möglicherweise auswendig übernommen, statt die Datenlage zu prüfen.

Dieser Transferfall ist besonders nützlich, weil er die Oberfläche ähnlich hält und die fachliche Lücke verändert. Der Leitfaden zur Prüfung des Schulungstransfers führt diesen Gedanken für die spätere Anwendung im Arbeitsalltag weiter.

Einen Ablauf planen, der Rückfragen zulässt

Für eine fiktive 60-Minuten-Einheit plane ich zehn Minuten für Ziel und Vorwissen, zwanzig Minuten für die beiden Lernwege, fünfzehn Minuten für gemeinsame Prüfung und fünfzehn Minuten für Transfer und Rückmeldung. Diese Zeitaufteilung ist eine Planungsannahme. Bei vielen Zugangsproblemen muss die Moderation den fachlichen Teil neu terminieren, statt ihn in die letzten Minuten zu pressen.

Die Übung beginnt erst, wenn alle Zugriff auf das freigegebene Werkzeug und die künstlichen Unterlagen haben. Ein gemeinsames Konto ist keine didaktische Lösung für fehlende Zugänge. Technische Schwierigkeiten werden als technische Schwierigkeiten dokumentiert und nicht als fehlende Lernfähigkeit bewertet.

Bei der Partnerarbeit wechseln die Rollen. Eine Person führt aus, die andere prüft. Danach tauschen beide. So wird sichtbar, ob die Prüfung von einer einzelnen erfahrenen Person abhängt. Ein Gruppenresultat allein beweist noch keine individuelle Handlungssicherheit.

Unterstützung gezielt abbauen

Wer im ersten Durchgang eine Tabelle erhielt, erstellt sie im zweiten Durchgang selbst. Wer einen fertigen Prompt nutzte, formuliert danach den Arbeitsauftrag in eigenen Worten. Der Abbau betrifft die Hilfe, nicht die Quellen oder die Qualitätskriterien.

Wenn die Leistung ohne Hilfen deutlich sinkt, ist das ein Lernbefund. Wiederhole den betreffenden Schritt mit einer kleineren Aufgabe. Eine zweite Demonstration vor der ganzen Gruppe hilft nur dann, wenn sie genau die beobachtete Schwierigkeit adressiert. Ein allgemeiner Vortrag über KI liefert dafür wenig Information.

Bei erfahrenen Teilnehmenden kann die nächste Stufe in einer fachlichen Ausnahme liegen. Ergänze etwa eine bestätigte Teillieferung mit offenem Resttermin. Die Lösung muss dann den bestätigten Teil korrekt benennen und den offenen Teil offenlassen. Pauschales Verweigern jeder Aussage reicht nicht.

Fachliche Leistung getrennt von Bediengeschwindigkeit beurteilen

Für die gemeinsame Auswertung erhält jede Person dieselben vier fachlichen Prüfpunkte: Mengen korrekt übernehmen, Wunsch und Zusage trennen, fehlende Information benennen und den nächsten zuständigen Schritt bestimmen. Jeder Punkt wird als erfüllt, teilweise erfüllt oder nicht erfüllt dokumentiert. Die Bewertung verweist auf eine konkrete Stelle im Ergebnis.

Wer die Oberfläche schnell bedient, aber den Liefertermin erfindet, besteht den fachlichen Teil nicht. Wer länger für die Eingabe braucht und alle Grenzen richtig erkennt, hat das Lernziel erreicht. Der zusätzliche Unterstützungsbedarf liegt dann bei der Werkzeugbedienung. Diese Unterscheidung verhindert, dass das Team Bedienroutine mit fachlicher Kompetenz verwechselt.

Die Moderation lässt die Teilnehmenden außerdem eine eigene Entscheidung erklären: Warum bleibt der Termin offen? Die Erklärung muss auf den fehlenden Nachdrucktermin und die Zuständigkeit verweisen. Ein bloßes "Die KI hat das so geschrieben" belegt keine eigenständige Prüfung.

Für die nächste Übung wird die Unterstützung anhand dieses Befunds angepasst. Eine Person erhält weiterhin eine leere Prüftabelle, eine andere bearbeitet bereits einen Fall mit widersprüchlichen Angaben. Beide arbeiten am gleichen fachlichen Ziel. Die Zuordnung bleibt veränderbar und wird nicht als dauerhaftes Leistungsurteil über einzelne Mitarbeitende kommuniziert.

Die Übung für den Betrieb anschlussfähig machen

Am Ende erhält das Team ein kurzes Arbeitsblatt mit den gemeinsamen Prüffragen und zwei anonymen Musterfällen. Die Hilfen bleiben dort, wo auch die freigegebene Arbeitsvorlage liegt. Eine zusätzliche Ablage ohne Verantwortlichen veraltet schnell und erschwert die Nutzung.

In einer späteren KI-Sprechstunde lässt sich prüfen, welche Fragen bei echten Vorgängen auftreten. Die Moderation übernimmt keine vertraulichen Originalfälle ungeprüft in eine neue Schulung. Sie baut daraus bei Bedarf künstliche Fälle mit derselben Fehlerstruktur.

Für die Abnahme der Einheit hält die verantwortliche Person fest, welche Teilnehmenden den Transferfall eigenständig bestanden haben, welche Hilfe noch nötig ist und welcher konkrete Schritt erneut geübt wird. Diese Dokumentation dient der Unterstützung. Sie ist kein Beleg für eine allgemeine Produktivitätssteigerung durch die Schulung.

Quellenstand: 22.10.2026. Geprüft wurden die Empfehlungen des IES-Praxisguides. Lernwege, Zeitplan, Quellenpaket und Bewertungsraster sind eigene Übertragungen auf einen betrieblichen KI-Anwendungsfall.

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